Jeden Tag müssen wir tote Zeit" mit
anderen Menschen verbringen. Stellen Sie sich vor:
Sie sitzen nachts eine Stunde lang in einem dichtbesetzten Zug und
fühlen sich unbehaglich. Ringsum sind lauter fremde Leute. Und die Zeit will und will
nicht vergehen ...
Oder: Sie sitzen eine Stunde im Wartezimmer eines Arztes. Ringsum
warten ebenfalls zehn Leute, denen auch irgendetwas weh tut, und die ausgelegten
Illustrierten taugen nichts. Und man weiß nicht, wie lang es noch gehen wird ...
Sie verbringen einen Nachmittag an einem dichtbevölkerten Badestrand.
Ringsum herrscht Badebetrieb, und Sie wollen sich erholen, auch wenn ein paar Kinder
schreien wie am Spieß. Sonne und Wasser und vergnügte Leute, dicht an dicht ...
Angelus Silesius schrieb dazu den Vers:
Die Einsamkeit tut not.
Doch sei nur nicht gemein.
So kannst du überall
in einer Wüsten sein.
Wüste" war für den Kapuzinerpater Angelus Silesius der
Ort, wo der Mensch in die Stille und Einsamkeit hineinfindet und Gott begegnet.
Gemein" ist ein Mensch, wenn er seine Eigenständigkeit verliert und sozusagen
Gemeingut wird, verloren an den alltäglichen Kleinkram. Und was kann man als Meditierende
inmitten einer Menge von unbekannten Menschen tun? Wie kommt man in die Stille?
1. Man kann bewusst Achtsamkeit üben: Man beobachtet
wohlwollend und aufmerksam die Gefühle, welche die anderen Menschen im eigenen Herzen
auslösen. Dazu hilft die Suchfrage, die man an sich selbst richtet:
Was will sich gerade entwickeln?
Was ist am Werden und am Wachsen?
Die Mitmenschen mögen Begehren oder Abscheu auslösen, Wohlgefallen
oder Gleichgültigkeit - alles betrachtet man klar und achtsam als Teil des eigenen
Lebens. Ein bekanntes Zen-Gedicht sagt:
Ob kurz oder lang -
achtsam will ich
meinen Weg gehen.
2. Man kann auch bewusst die Menschenmenge genießen - die
Vielfalt der Charaktere, die Buntheit des Daseins und den Jahrmarkt der Eitelkeiten. Man
fühlt sich gleichsam wie eine Welle im Ozean oder wie ein Rebzweig am Weinstock, der
Christus heißt (wie es das Johannesevangelium sagt). Im Grund sind wir alle eins, und
jeder Mensch darf sein, was er im Grunde seines Wesens ist. Denn Gott liebt die Vielfalt.
Das lässt sich genießen.
3. Alle Menschen haben Sehnsucht nach Glück und menschlicher
Erfüllung, und zeitweise sind sie auch tatsächlich glücklich; irgendwann im Laufe
seines Lebens ist jeder Mensch auch grenzenlos glücklich. Man kann dieses Glück oder
diese Sehnsucht nach Glück bei den Menschen ringsum spüren und zur Meditation
verwenden: Beim Einatmen zieht man fremdes Glück oder Sehnsucht nach Glück wie eine
helle Wolke von Licht in sich herein, und beim Ausatmen atmet man Wohlwollen, Dankbarkeit
oder Segen wie eine helle Wolke von Licht aus. Das vollzieht man längere Zeit; und so
hilft es sehr, innerhalb einer Menschenmenge eine gute Strahlung zu haben. Die Mitmenschen
werden eine Hilfe zum Meditieren.
4. Alle Menschen müssen im Laufe ihres Lebens immer wieder Leid
ertragen. Zum Leben gehört das Leiden. Man kann das Leid der Menschen ringsum spüren
und beim Einatmen dieses Leid wie eine dunkle Wolke voll Finsternis in sich aufnehmen.
Beim Ausatmen atmet man Mitgefühl, Erlösungshoffnung und Segen wie eine helle Wolke von
Licht aus.
Weil diese Übung starke Belastbarkeit voraussetzt, ist es sinnvoll, zu
Beginn einer solchen Meditation die Gestalt eines Meisters ins eigene Herz oder in die
eigene Körpermitte aufzunehmen. Es sollte jemand sein, der bewusst alles Leid der Welt in
sich aufnahm, wie Jesus oder sonst eine große Gestalt der Religionsgeschichte.
Menschliches Leid wird, so betrachtet, Hilfe zum Meditieren.
Nr. 3 und Nr. 4 sind Spielarten der tibetischen Tonglen-Meditation und
können auch Zen-Meditierenden helfen.