Reinhard Manner

Ochsentritt


Zen
Ochsentritt ist der Name des vierteljährlichen Rundbriefs, den Reinhard Manner für Zen-Meditierende herausgab.
Januar 2004:
Mitten unter den Menschen
April 2004:
Sich seiner eigenen Lebensaufgabe stellen
Juli 2004:
Sich seiner eigenen Lebensaufgabe stellen (Forts.)
Oktober 2004:
Warten lernen
Januar 2005:
Sitzen wie ein Berg
April 2005:
Sitzen wie ein Berg (Forts.)
Juli 2005:
Wie Wasser und Wolke werden
Oktober 2005:
Wie Wasser und Wolke werden (Forts.)
Januar 2006:
Zen als Lebenshaltung
April 2006:
Zen als Lebenshaltung (Forts.)
Juli 2006:
Wozu Meditation gut ist...
Oktober 2006:
Sich entgiften
Januar 2007:
Sich entgiften (Forts. 1)
April 2007:
Sich entgiften (Forts. 2)
Juli 2007:
Einem leidenden Menschen zuhören
Oktober 2007:
Einem leidenden Menschen zuhören (Forts.)
Januar 2008:
Persönlich oder unpersönlich?
April 2008:
Persönlich oder unpersönlich? (Forts. 1)
Juli 2008:
Persönlich oder unpersönlich? (Forts. 2)
Oktober 2008:
Stress abbauen - Stress genießen
Januar 2009:
Stress abbauen - Stress genießen (Forts.)
April 2009:
Werde, der du bist
Juli 2009:
Das Wesentliche spüren
Oktober 2009:
Sich verändern lassen
Januar 2010:
Qualität statt Quantität

Ochsentritt Jan. 2004 XXVII1

Mitten unter den Menschen

Zu Beginn eine orientalische Parabel:

Ein Affe warf von seiner Palme herab eine Kokosnuss nach einem Wanderer und traf ihn am Bein. Der Wanderer war hungrig und durstig und müde, und nun tat ihm auch noch das Bein weh. Der Wanderer besann sich. Er knackte die Kokosnuss, aß das Fleisch und trank die Milch. Aus der Schale machte er einen Trinkbecher, und an der nächsten Quelle trank er sich aus dem Becher ausgiebig satt.

Die Nuss, die zuerst Schmerzen bereitete, war eigentlich etwas Gutes. Und der Wanderer wusste mit ihr umzugehen. Und bei Menschen, mit denen wir ungewollt zusammensein müssen und die wir weder kennen noch mögen, ist es ebenfalls möglich, „die Nuss zu knacken" und etwas Gutes aus der Sache zu machen.

Jeden Tag müssen wir „tote Zeit" mit anderen Menschen verbringen. Stellen Sie sich vor:

Sie sitzen nachts eine Stunde lang in einem dichtbesetzten Zug und fühlen sich unbehaglich. Ringsum sind lauter fremde Leute. Und die Zeit will und will nicht vergehen ...

Oder: Sie sitzen eine Stunde im Wartezimmer eines Arztes. Ringsum warten ebenfalls zehn Leute, denen auch irgendetwas weh tut, und die ausgelegten Illustrierten taugen nichts. Und man weiß nicht, wie lang es noch gehen wird ...

Sie verbringen einen Nachmittag an einem dichtbevölkerten Badestrand. Ringsum herrscht Badebetrieb, und Sie wollen sich erholen, auch wenn ein paar Kinder schreien wie am Spieß. Sonne und Wasser und vergnügte Leute, dicht an dicht ...

Angelus Silesius schrieb dazu den Vers:

Die Einsamkeit tut not.
Doch sei nur nicht gemein.
So kannst du überall
in einer Wüsten sein.

„Wüste" war für den Kapuzinerpater Angelus Silesius der Ort, wo der Mensch in die Stille und Einsamkeit hineinfindet und Gott begegnet. „Gemein" ist ein Mensch, wenn er seine Eigenständigkeit verliert und sozusagen Gemeingut wird, verloren an den alltäglichen Kleinkram. Und was kann man als Meditierende inmitten einer Menge von unbekannten Menschen tun? Wie kommt man in die Stille?

1. Man kann bewusst Achtsamkeit üben: Man beobachtet wohlwollend und aufmerksam die Gefühle, welche die anderen Menschen im eigenen Herzen auslösen. Dazu hilft die Suchfrage, die man an sich selbst richtet:

Was will sich gerade entwickeln?
Was ist am Werden und am Wachsen?

Die Mitmenschen mögen Begehren oder Abscheu auslösen, Wohlgefallen oder Gleichgültigkeit - alles betrachtet man klar und achtsam als Teil des eigenen Lebens. Ein bekanntes Zen-Gedicht sagt:

Ob kurz oder lang -
achtsam will ich
meinen Weg gehen.

2. Man kann auch bewusst die Menschenmenge genießen - die Vielfalt der Charaktere, die Buntheit des Daseins und den Jahrmarkt der Eitelkeiten. Man fühlt sich gleichsam wie eine Welle im Ozean oder wie ein Rebzweig am Weinstock, der Christus heißt (wie es das Johannesevangelium sagt). Im Grund sind wir alle eins, und jeder Mensch darf sein, was er im Grunde seines Wesens ist. Denn Gott liebt die Vielfalt. Das lässt sich genießen.

3. Alle Menschen haben Sehnsucht nach Glück und menschlicher Erfüllung, und zeitweise sind sie auch tatsächlich glücklich; irgendwann im Laufe seines Lebens ist jeder Mensch auch grenzenlos glücklich. Man kann dieses Glück oder diese Sehnsucht nach Glück bei den Menschen ringsum spüren und zur Meditation verwenden: Beim Einatmen zieht man fremdes Glück oder Sehnsucht nach Glück wie eine helle Wolke von Licht in sich herein, und beim Ausatmen atmet man Wohlwollen, Dankbarkeit oder Segen wie eine helle Wolke von Licht aus. Das vollzieht man längere Zeit; und so hilft es sehr, innerhalb einer Menschenmenge eine gute Strahlung zu haben. Die Mitmenschen werden eine Hilfe zum Meditieren.

4. Alle Menschen müssen im Laufe ihres Lebens immer wieder Leid ertragen. Zum Leben gehört das Leiden. Man kann das Leid der Menschen ringsum spüren und beim Einatmen dieses Leid wie eine dunkle Wolke voll Finsternis in sich aufnehmen. Beim Ausatmen atmet man Mitgefühl, Erlösungshoffnung und Segen wie eine helle Wolke von Licht aus.

Weil diese Übung starke Belastbarkeit voraussetzt, ist es sinnvoll, zu Beginn einer solchen Meditation die Gestalt eines Meisters ins eigene Herz oder in die eigene Körpermitte aufzunehmen. Es sollte jemand sein, der bewusst alles Leid der Welt in sich aufnahm, wie Jesus oder sonst eine große Gestalt der Religionsgeschichte. Menschliches Leid wird, so betrachtet, Hilfe zum Meditieren.

Nr. 3 und Nr. 4 sind Spielarten der tibetischen Tonglen-Meditation und können auch Zen-Meditierenden helfen.

Um auf die Parabel von der Kokosnuss zurückzukommen: Die Nuss, die einem der Affe ans Bein wirft, lässt sich knacken. Wir Menschen leben voneinander und miteinander, und wir sterben miteinander und durcheinander. In einer Menschenmenge zu meditieren, kann den „Großen Tod" von dem man im Zen redet, also den mystischen Tod, durchaus erleichtern.

Im Zen sagt man:

Stirb, ehe du stirbst,
damit du nicht stirbst,
wenn du stirbst.

Das gilt immer. Das gilt jetzt. Hier und jetzt.

 

Buddha
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